| I. Wie ich zur
Aromatherapie kam - Ein Bericht
Fast zehn Jahre war ich auf der
Entzug- und Suizidintensivstation, der IG 3 (Medizinische Klinik II),
des Klinikums Ludwigsburg beschäftigt.
Durch die extremen Situationen auf dieser Station, überlegte ich
mir oft neue Möglichkeiten um den Patienten ihre schlimme körperliche
und seelische Lage etwas erträglicher zu machen.
Auf unserer Station waren und sind viele Komapatienten. Man hat mit
vielen Patienten mit Leberzirrhose, Bauchspeicheldrüsenerkrankungen,
heftigen Entzugssymptome und meistenteils psychiatrischen Ausnahmeerscheinungen
und wenigen normalen Erkrankungen zu tun.
Das Klinikum bietet in seiner Fort- und Weiterbildung sehr viele Kurse,
die Alternativen zum Pflegealltag bieten, an. Die Aromapflege zählt
zur Basalen Stimulation, welche mich schon in meiner Ausbildung durch
einen Besuch im Komazentrum Burgau und deren Behandlungsmethoden dort
interessierte.
So besuchte ich 1995 einen Kurs für Aromapflege in der Klinik.
Privat und dienstlich hatte ich mich schon hobbymäßig, aber
wohl eher intuitiv, mit der Aromatherapie beschäftigt. Die Station
roch auch immer etwas streng, und Kollegen, welche unsere Station besuchten,
meinten immer: Wie riecht es bei euch wieder; eure Station erkennt
man schon am Geruch!. Folglich kochte ich im Nachtdienst oft Jogitee
- nicht weil ich diesen so liebe, sondern weil der ganze dritte Stock
(auch die daran angeschlossene Röntgenabteilung) immer herrlich
beduftet wurde. Unvermutet änderte sich der Wortlaut der Kollegen:
Mhhh, was riecht hier denn so gut?.
Also freute ich mich auf diese Fortbildung. Ich war sehr überrascht
was schon alles möglich war in Sachen Düfte.
Anschließend erhielt ich von Frau Lang, der Leiterin der Fort-
und Weiterbildung, ein Programm über Rosen und die Möglichkeiten
in der Aromatherapie von Prof. Dr. Dr. Wabner einen Kurs an der Bodenseeakademie
zu besuchen! Die Gelegenheit ergriff ich sofort, da Gartenpflege eine
andere Leidenschaft von mir ist. Dieser Kurs bestärkte mich noch
mehr in meiner Begeisterung für die Aromatherapie; ich holte mir
Bücher aus der Bibliothek und bestellte Öle für unsere
Station und fing an ganz dilettantisch Massageöl, Badesalz und
Öle für Duftlampenmischen zu mixen - heute weiß ich,
dass jene Mischungen sehr hoch dosiert war, aber es hat niemanden geschadet.
Außerdem musste ich für meine Kollegen auf der Station kleine
Berichte, welche zu einer Homepage anwuchsen, verfassen, da ich gleichzeitig
PC-Kurse besuchte und das Gelernte üben wollte.
Ich hatte über Pfingsten zufällig frei und arbeitete fünf
Tage durch, um diesen Bericht zu schreiben und er wurde ein großer
Erfolg bei meinen Kollegen. Nur anwenden wollten die Kollegen die Aromapflege
nur, wenn ich Fertiglösungen für sie zu bereitete.
Das Rosenöl faszinierte mich, da es besonders zur Geburtshilfe
und Sterbebegleitung eingesetzt wurde. Also mixte ich mir ein Sterbebegleitungsöl,
welches auf unserer Station ja oft gebraucht werden würde. Der
Inhalt war: Rose bulg., Muskatellasalbei, Grapefruit und andere Öle.
Mein erster Patient war ein Mann,
der zum Sterben hier war, im Koma lag und keine Reaktionen mehr zeigte.
Patient Hr. S. war 66 Jahre alt
und hatte vor 3 Wochen ohne Grund (laut Angehöriger) einen Suizidversuch
mit Gift unternommen. Als er im Keller gefunden wurde, war er nicht
mehr ansprechbar und musste einige Zeit beatmet werden. Nachdem er extubiert
worden war, atmete er spontan weiter, zeigte aber keine Reaktionen mehr.
Nun lag er bei uns, und ich wusch ihn mit einer Badesalzlösung
aus obigem Rezept und ölte seine Haut anschließend mit dieser
Mischung; außerdem bekam er von mir eine Handmassage. Anschließend
versorgte ich seine Magensonde und andere diverse Zugänge; dann
schob ich die aktuellen Daten in seine Kurve. Als ich mich
zu ihm wandte um die Ablaufbeuteln zu bilanzieren, hob er seine rechte
Hand zur Nase und roch an dieser - ich erschrak heftig, er hatte bis
jetzt noch nie eine solche Reaktion gezeigt, obwohl seine Angehörigen
immer bei ihm saßen und seine Hände hielten. Da ich die ganze
Woche für ihn zuständig war betreute und pflegte ich ihn so
weiter. Aromawäsche (Basale Stimulation) und Handmassage mit dieser
Rosenölmischung.
Am zweiten Tag schlug er die Augen auf und weinte - ständig liefen
ihm Tränen. Seine Frau meinte er habe seit sie verheiratet sind
noch nie geweint. Am dritten Tag mobilisierte ich ihn mit Hilfe des
Physiotherapeuten. Nach einer Woche saß er im Rollstuhl und wurde
von den Angehörigen spazieren gefahren. Da diese und die Ärzte
meinten man müsse ihm helfen seine Depression zu überwinden,
bekam er Antidepressiva (Aurorix) verordnet!
Ich dachte aber sofort an die Rose und ihre Wirkung, die uns Prof. Dr.
Dr. Wabner als öffnend beschrieb und auch an die Hebammen, die
sie zur Geburt einsetzten.
Jener Patient ging dann in die Rehabilitation, wo er wieder versuchte
sich durch einen Sprung vom Balkon umzubringen - weiteres erfuhren wir
nicht mehr.
Hr. S. war der erste Stein für mich auf dem Weg zur totalen Begeisterung
für die Aromatherapie.
Im Folgenden der zweite Fall,
der mich überzeugte; denn Zweifel waren vorhanden, da ich in der
technischen, naturwissenschaftlichen Intensivpflege daheim war.
Hr. J. war ein 27 jähriger
(amerikanischer) Polytoxikomane, der nach einer Überdosis Heroin
in seiner Wohnung längere Zeit bewusstlos lag bevor er ins Krankenhaus
kam.
Dadurch wurde er lange Zeit beatmet und jetzt extubiert und ansprechbar
- im schweren Entzug und mit Temperaturen von bis zu 41 Grad, die selbst
mit starken fiebersenkenden Mitteln intravenös nicht zu beherrschen
waren! Entweder er schafft es oder er stirbt - so war die Behandlung.
Er bekam alles was er benötigte, aber sein Körper musste es
schaffen.
Diese Patienten sind sehr schwierig zu pflegen, da sie Tag und Nacht
nur einen Wunsch haben: Bitte gegeben sie mir etwas gegen meinen
Entzug! Ich habe Schmerzen, bitte, bitte!!!. So wechselten wir
uns in der Pflege ab. Ich dachte an die Basale Stimulation und an Gerüche,
die er mögen könnte; reden wollte er nicht viel.
Da kam ich auf Spermint für fiebersenkende Maßnahmen. Ich
machte im Zeitraum von vier Stunden Wadenwickel und, da er vom Geruch
begeistert war, eine Ganzkörperwäsche mit einer Badesalzmischung
von 15 Tropfen Spermint Inhalt. Als ich bei Anbruch der Nacht die Waschschüssel
wegräumen wollte, meinte er es rieche so gut, ich solle diese bitte
stehen lassen.
Am Morgen empfing er mich begeistert; er habe die erste Nacht durchgeschlafen.
Und zwar mit der Nase an der Waschschüssel. Er bedankte sich bei
mir und lobte die Begeisterung mit der ich in meinem Beruf tätig
sei. Ich war ziemlich irritiert, denn von Suchtpatienten erhält
man als Pflegender nur Dank, wenn man ihnen ihre Tabletten bringt.
Außerdem berichteten die Nachschwestern, dass er keine zusätzlichen
Medikamente verlangt habe; seine Temperatur war auf 38,5 gesunken und
nach einer Woche wurde er in die Psychiatrie zur Rehabilitation geschickt!
Sein weiterer Werdegang ist mir leider nicht bekannt.
Ein weiterer Grund für meine
Überzeugung gegenüber der Aromapflege war ein sterbender Patient.
Herr W. war über 80 Jahre
alt und zum Sterben von den Angehörigen in die Klinik gebracht
worden. Er litt an einem nicht mehr operablen Tumor, war sehr schwach
und abgemagert. Vor seinem Tod bekam er noch ein sehr hohes Tumorzerfallsfieber
und litt zusätzlich an diesem schweren Fieber und dadurch an Verwirrtheit
und Unruhe.
Vor Dienstschluss - jeder auf der Station dachte, er sterbe heute Abend
noch - machte ich den Patienten frisch und, da er komplett durchgeschwitzt
war, wusch ich ihn mit einer Waschlösung, in die ich Pfefferminzöl
(Salzwasser) zum Kühlen gegeben hatte (als Wassertemperatur wählte
ich 1- 2 Grad unter seiner Körpertemperatur). Des Weiteren machte
ich ihm noch einen Bauchwickel, und er schlief 5 Minuten später
ruhig ein - obwohl er sich vorher verwirrt gewälzt hatte, sank
seine Temperatur in der Nacht auf ein erträgliches Maß. So
konnte er mit uns am Morgen bei klarem Verstand sprechen.
Er starb am folgenden Nachmittag ruhig und friedlich - unbeeinflusst
durch das hohe Fieber.
Mein Chef sagte darauf schmunzelnd, ich solle doch dem Tod nicht mit
meiner Aromapflege reinpfuschen! Dies meinte er natürlich im positiven
Sinne für den Patienten.
So durfte ich anschließend
sehr vieles an Behandlungspflege ausprobieren - auch aus Initiative
der Ärzte, welche oft fragten, ob ich denn nichts in meiner Duftküche
für diesen oder jenen Patienten habe.
Einige Wunden wurden so wieder ohne chirurgische Eingriffe geheilt -
ganz abgesehen von den psychischen Erflogen, welche mich sehr in meiner
Pflege bestärkten.
Als Krankenschwester suchte ich mir dann oft problematische Patienten
oder Angehörige, da ich dadurch von Seiten meiner Kollegen und
den Ärzten jede für mich nötige Unterstützung (Anschaffungen,
Zeitaufwand etc.) in Sachen Aromapflege fand.
Nun zwei wichtige Fälle des
letzten Jahres:
Im Sommer 2001 rief mich die Stationsleitung
von der UC 17 (Privatunfallstation) an. Sie hätten einen äußerst
schwierigen Fall, und der Arzt und Psychiater habe zugestimmt mich anzurufen,
da sie nicht mehr weiter wüssten.
Hr. H war 47 Jahre alt, hatte
einen eigenen Zimmermannsbetrieb und war bei seiner Arbeit vom Dach
gefallen und hatte sich dabei schwerste Verletzungen zugezogen:
Beckenbruch, komplizierte Arm- und Beinbrüche an allen 4 Extremitäten.
Er war unfallchirurgisch mehrfach operiert und mit Fixateuren versorgt
worden. Er sollte nun in physiotherapeutische Behandlung und mobilisiert
werden.
Er war sehr auf Schmerz- und Schlafmittel fixiert und hatte durch seine
schweren Ängste auch Psychopharmaka erhalten. Er gab sich dennoch
nicht genügsam und wollte aus Angst wieder zu fallen bei der Therapie
nicht mitmachen: Er sähe sich dauernd vom Dach fallen.
Auf meine Frage was er denn gerne rieche, meinte er, und dies sei kein
Scherz, Mist; denn dieser erinnere ihn an seine glückliche Kindheit.
Anfänglich gab ich ihm ein Fläschchen Anti-Angstöl,
welches an der Klinik Lübeck vor Operationen gegeben wird: Ein
Tropfen dieser Ölmischung auf einen Wattebausch und diesen ins
linke Nasenloch gesteckt und er schlief ab sofort ohne Psychopharmaka
durch und benötigte auch keine mehr; jedoch nahm er jenen Wattebausch
auch nicht mehr aus seiner Nase (so habe ich auch schon bei mir und
meiner Familie Ängste vor dem Fliegen und dem Zahnarzt abbauen
können).
Für die Therapie bekam er ein Öl auf Hanfölbasis, welches
stark riecht und für ihn angenehm und schmerzlindernd wirkte. Der
Patient ging nun freiwillig mit seinem Wattebausch in der Nase und seiner
Massagemischung in die Physiotherapie.
Er war unverhältnismäßig dankbar und wollte mir ständig
Geld geben. Schließlich konnte er ohne Probleme in die Rehabilitation
geschickt werden.
Frau W., eine ehemalige Krankenschwester,
66 Jahre alt, hatte seit 20 Jahren eine Tumorerkrankung, welche nun
wieder akut wurde. Folglich kam sie zur Chemotherapie auf die Privatstation.
Zudem hatte sie am rechten Bein eine schwere Elephantitis, die sich
durch falsche Behandlung verschlimmerte, und so sich das ganze Bein
auch noch in den Falten am Schritt und in den Kniekehlen entzündete.
Ich wusch das Bein mit einer Waschlösung, in welcher feiner Lavendel
war, und gab ihr das Fläschchen zum direkten zusätzlichen
Auftröpfeln bei starken Schmerzen. Der Erfolg wurde nach zwei Tagen
sichtbar, und die Patientin schlief das erste Mal durch und erzählte,
das habe sie schon lange nicht mehr erlebt! Sie wurde nach einer Woche
entlassen; das Bein war wieder ohne entzündete rote Stellen, und
sie nahm sich das Lavendelöl mit nach Hause, um es für alle
Fälle zu haben, meinte sie.
Mit derartigen Erlebnissen, welche
ich auch im Optiplan (Krankenakte) schriftlich fixierte, könnte
ich ein ganzes Buch füllen.
Die Kraft der Öle wirkt immer
- mal sanft, mal schnell, und manches Mal erst kaum sichtbar, aber durchgreifend.
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